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MENSCHENGESICHTER
 

„Menschengesichter – Die jüdische Bensheimer Familie Bauer“

Im ersten Abschnitt wird die Geschichte von Hedwig und Julius Bauer bis 1933 erzählt – ihre Herkunft, die Heirat in Bensheim und die Gründung einer kleinen Bank, die später im Rodensteiner Hof angesiedelt war.
Der zweite Teil umfasst die Geschichte der beiden Töchter, ihre Ausbildung und ihre Emigration nach den USA während der NS-Zeit. Anne Bauer wurde Journalistin und schrieb nach einer Rundreise durch Afrika kritische Berichte zur Apartheid. In Paris, wo sie nach dem Krieg lebte, wurde sie deshalb zur amerikanischen Botschaft bestellt und musste ihren Pass abgeben – ein Opfer der McCarthy-Hysterie.
Im dritten Teil der Broschüre wird die Leidenszeit von Hedwig und Julius Bauer in der NS-Zeit beleuchtet. 1933 wurde Julius Bauer die Zulassung zur Börse entzogen – für einen Bankier eine wesentliche Einschränkung seiner Geschäfte. 1936 mussten Hedwig und Julius Bauer mit Wohnung und Geschäft aus dem Rodensteiner Hof ausziehen, da die Ortsgruppenleitung der NSDAP diese Räume für sich beanspruchte. In der Reichspogromnacht wurden die neuen Büro- und Wohnräume in der Darmstädter Straße 66 verwüstet und hierbei viele Möbelstücke beschädigt oder zerstört. Als „Judenvermögensabgabe“ – eine von den Nationalsozialisten beschlossene „Sühneleistung“ zur Reichspogromnacht - mussten die Bauers nahezu 20.000 RM an das Finanzamt in Bensheim abtreten. Weitere 1.000 RM mussten an die Deutsche Golddiskontbank in Berlin abgeführt werden. Außerdem wurde das gesamte Vermögen der Bauers gesperrt. Julius Bauer war im Verlauf der Reichspogromnacht wie die meisten männlichen Juden verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt worden. Dort starb Julius Bauer am 1. Dezember 1938 unter ungeklärten Verhältnissen. Hedwig Bauer zog nach Frankfurt, wo sie sich am 15. Februar 1939 das Leben nahm.
Das Erbe von Hedwig und Julius Bauer, das natürlich den beiden Töchtern zustand, ließen die Nationalsozialisten nicht unangetastet: Möbel, Haushaltsgegenstände - darunter eine große Menge silberner Leuchter, Vasen und Besteckteile – und ein Piano wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und zugunsten der öffentlichen Hand versteigert.

Kilthau im Vorwort der Broschüre: “Mein Anliegen ist es, mit dieser Broschüre durch möglichst viele Daten, Dokumente und Bilder den Menschen der Familie wieder ein „Gesicht“ zu geben – stellvertretend für alle Bensheimer jüdischen Familien.“


Artikel des Bergsträßer Anzeiger vom 6. Oktober 2010

Der Erinnerung ein Gesicht gegeben
Broschüre: Dr. Fritz Kilthau recherchierte das Schicksal der jüdischen Familie Bauer / Kontakte bis in die USA

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Zwingenberg. "Durch diese Arbeit ist die Familie nach so vielen Jahren wieder lebendig geworden." Dena Rueb Romero ist begeistert, was bei der intensiven Recherche über das Schicksal von Hedwig und Julius Bauer heraus gekommen ist.
Vor knapp zwei Jahren hatte sich die in New Hampshire lebende Verwandte der Familie mit einer Anfrage an Dr. Fritz Kilthau gewandt. Sie wollte wissen, ob es nähere Informationen zum Leben der Bauers in der Zeit des Nationalsozialismus gibt. Der Vorsitzende des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge schickte entsprechendes Material zurück und erhielt im Gegenzug etliche Fotos, die vom Leben und der Verfolgung des jüdischen Ehepaars berichten.

Dialog über den Atlantik hinweg

Aus dem Dialog über den Atlantik ist die neue Broschüre entstanden, die Kilthau in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger in Bensheim herausgeben wird. Die Publikation "Menschengesichter" erzählt die Geschichte der Bensheimer Familie vor und während der NS-Zeit und spiegelt auf diese Weise exemplarisch das Schicksal vieler Juden, die unter dem Begriff "Opfer" in einer anonymen Masse untergehen. Kilthaus Anspruch war es, den Mitgliedern der Familie Bauer wieder "ein Gesicht" zu geben und durch sie auch andere Menschen aus ihrer historischen Vergessenheit zu befreien.
Nach einem persönlichen Treffen mit Rena Dueb Romero in Zwingenberg im letzten Jahr stand fest, dass der Autor diverser Publikationen zur NS-Geschichte auf eine sehr hilfsbereite und interessierte Informantin zählen konnte. Zumal ihre Großcousine Joanne Epstein, eine Enkelin der Bauers, weitere wertvolle Details liefern konnte. Auf Kilthau aufmerksam wurde Romero durch ihre in Darmstadt lebende Tante, die ihr einen Zeitungsartikel über dessen Arbeit zur Pogromnacht zugeschickt hatte.
Jetzt war Rena Dueb Romero erneut an der Bergstraße zu Gast, um den aktiven Geschichtsforscher zu treffen und sich die fertige Broschüre anzusehen: "Ein hervorragendes Heft, das durch viele Daten und Dokumente bereichert wird." Fritz Kilthau war es bei der Arbeit zu seiner jüngsten Publikation besonders wichtig, auch den Alltag der Familie und den weiteren Lebensweg der Nachfahren im Auge zu haben, um so ein ganzheitliches und perspektivisch facettenreiches Bild der Familie zu zeichnen. Er verfolgt die Bauers von ihrer Heirat in Bensheim im August 1907 bis zu ihren Gräbern auf dem Alsbacher Judenfriedhof.
Die Broschüre erzählt von der Zeit als angesehene Bankiersfamilie, die im Rodensteiner Hof lebte und arbeitete, von den Töchtern Margarethe und Anneliese und der Verfolgung der Familie durch das NS-Regime ab 1933. Noch im gleichen Jahr wurde Julius Bauer die Zulassung zur Frankfurter Börse entzogen. Danach musste die Familie zwangsweise den Rodensteiner Hof, der im Besitz der Stadt Bensheim war, räumen und in die heutige Darmstädter Straße 66 umziehen. 1938 wurde Julius Bauer verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht, wo er noch im gleichen Jahr starb. Kurz danach wurde das Bankhaus aufgelöst und das gesamte Vermögen von den Nazis beschlagnahmt. Im Februar 1939 beging Hedwig Bauer Selbstmord.
Für den Bensheimer Stadtrat Peter E. Kalb (Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger) ist die Broschüre ein wichtiger Hinweis auf die Existenz weiterer jüdischer Bürger, die früher in Bensheim gelebt haben. Kalb koordiniert ein lokales Projekt, das an die Opfer des Nationalsozialismus durch Mahnmale im öffentlichen Raum ("Stolpersteine") erinnern will. Die Gedenktafeln sollen die jeweils letzte Wohnstätte vor der Verschleppung und Ermordung durch die Nazis kennzeichnen.
Von Kilthaus Arbeit erhofft er sich einen Impuls, der nicht zuletzt auch die Schulen zur Mitarbeit motivieren soll: Schüler aus Leistungskursen könnten verschiedene Projekte initiieren und durch die Recherche in Archiven mehr über die Menschen in Erfahrung bringen, deren Namen auf den Tafeln zu lesen sein werden.
Die Broschüre "Menschengesichter" in Kürze. Der Bergsträßer Anzeiger wird im Vorfeld der Veröffentlichung noch ausführlich berichten.

Bergsträßer Anzeiger
06. Oktober 2010
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Theodor Loos