JÜDISCHE GEMEINDE

WICHTIGE EREIGNISSE:

  • 1401 Ersterwähnung von Juden in Zwingenberg in einer katzenelnbogischen Rechnung: In der Rechnung ging es um das Judengeld von Schonmann, Moses und Isac sowie "sin Sweher" (Schwiegervater), Juden "zu Twinginburg".
  • 1812 Vier "Schutzjuden" nehmen Familiennamen aufgrund obrigkeitlicher Verordnung an: David Moses nannte sich David Bergsträßer, Anschel Moses Anschel Breitenbach und aus Moses und Bär David wurden Moses und Bär Mainzer (der Letztgenannte wohnte seit 1801 in Zwingenberg).
  • 1858 Erlaubnis zur Bildung einer selbständigen jüdischen Gemeinde in Zwingenberg
  • 3. August 1861 Einweihung der 1. Zwingenberger Synagoge am „Großen Berg 2“. Bis 1861 bildeten die Zwingenberger Juden mit den Juden aus Alsbach, Bickenbach, Hähnlein und Jugenheim eine Gemeinde - die gemeinsame Synagoge stand in Alsbach.
  • 11. Oktober 1902 Brand in der Synagoge am Morgen des Jom Kippur: Nach dem Brand beschloss man, das Gebäude der alten Synagoge zu verkaufen und eine neue Synagoge mit Lehrerwohnung zu bauen.
  • 11. September 1903 Einweihung der neuen Synagoge - Großer Umzug durch Zwingenberg: Nach nur 107 Arbeitstagen war die neue Synagoge fertig gestellt. Bei einem am Marktplatz beginnenden Umzug durch Zwingenberg wurden die alten Thorarollen mitgeführt. Der ganze Ortsvorstand, die Kirchenbehörde, Gerichtsherren, und viele Bürger der Gemeinde beteiligten sich. Die Einweihung der neuen Synagoge erfolgte durch den Landesrabbiner Dr. Marx.
  • 5. April 1933 Verhaftung jüdischer Zwingenberger - Beschuldigung: Brandlegung am NSDAP-Verkehrslokal: Bergsträßer Anzeigeblatt vom 6. April 1933: "Zwingenberg, 6. April. Vergangene Nacht um 2 Uhr brach im Verkehrslokal der NSDAP im "Hotel Fuchsbau" in Zwingenberg ein Brand aus. Das Feuer, das die Stallungen usw. erfasste, zerstörte auch ein Teil der Wohnräume... Es wird Brandstiftung durch politische Gegner vermutet und sind in diesem Zusammenhang verschiedene jüdische Einwohner und Kommunisten verhaftet worden."
  • 10. November 1938 Reichspogromnacht in Zwingenberg: Die Synagoge wurde beschädigt, blieb aber erhalten Verkauf der Synagoge: Bergsträßer Anzeigeblatt vom 11. November 1938: "Zwingenberg, 10.Nov. Die hiesige Synagoge ging durch Kauf zum Preis von 6000 RM in den Besitz von K. H., Darmstädterstr. über." (Der Name wurde auf dieser Website anonymisiert).
  • Der letzte Zwingenberger Jude Moritz Schack fungierte als Verkaufs-Unterhändler.
  • 1. Januar 1939 Übergabe der Synagoge an den neuen Besitzer: Der Betsaal wurde zunächst als Lagerraum, später als Fabrikationsstätte einer Schuhfabrik genutzt.
  • 29. Juni 1939 Die letzten Juden, Martha und Moritz Schack, verlassen Zwingenberg
  • 24. Oktober 1950 Auf Grund des Beschlusses vom Juli 1950 wurde das Eigentum am Gebäude der ehemaligen Synagoge an die JRSO (Jewish Restitution Successor Organisation) übertragen, einer amerikanischen Organisation, die sich nach dem Krieg um den früheren jüdischen Besitz in der amerikanischen Zone kümmerte. Der frühere Besitzer kaufte die Immobilie im Juni 1953 zurück.
  • 1964 Umbau der Fassaden: Leider wurde fast alles getilgt, was an die frühere Nutzung erinnert.

ANZAHL DER JUDEN IN ZWINGENBERG


DIE OPFER DER NS-ZEIT IN ZWINGENBERG

Clara und Sally David lebten in der Alsbacher Straße 24/26, verkauften Fette, Öl und Bindemittel. Im März 1938 wurde ihr Geschäft aufgelöst, sie zogen nach Darmstadt. Der Verschleppung in ein Konzentrationslager kam Sally David zuvor – er erhängte sich am 15. Juli 1940. Seine Frau Clara wurde vom Güterbahnhof Darmstadt aus nach Piaski-Lublin in Polen deportiert – es gibt keine weiteren Spuren von ihr.

Hugo Fuchs – seine Eltern hatten einen Gemischtwarenhandel am Marktplatz 10 - wurde nach Auschwitz deportiert; sein Bruder Richard Fuchs kam im KZ Lublin ums Leben.

Clara Gutmann wurde 1869 in Zwingenberg als Clara Wachenheimer geboren; sie heiratete Franz Samuel Gutmann aus Herrnsheim bei Worms. Am 27. September 1942 wurde sie – damals schon 73 Jahre alt - mit einem Sammeltransport ins KZ Theresienstadt deportiert, sie starb dort am 5. Oktober 1942.

Franziska Mainzer aus der Obergasse 24 heiratete nach Frankfurt/Main und hieß dann Flörsheimer. Sie starb am 17. Dezember 1942 in Theresienstadt.

Martha und Moritz Schack waren die letzten Juden in Zwingenberg; sie lebten in der Obergasse 3. In der Reichspogromnacht 1938 wurde ihre Wohnung verwüstet; Moritz Schack musste am gleichen Tag die Zwingenberger Synagoge an Privat verkaufen. Im Juni 1939 zogen sie nach Frankfurt/Main – sie dachten, sie seien dort sicherer. Martha starb – wohl durch eigene Hand – am 9. August 1941. Moritz Schack wurde im Januar 1943 von Frankfurt nach Auschwitz deportiert.

Clothilde und Heinrich Wachenheimer versuchten 1938, den Nazis zu entfliehen; sie verkauften ihr Anwesen in der Pfarrhausgasse 1 und flohen mit Tochter, Johanna, und Schwiegersohn aus Lorsch, Siegmund Abraham nach Frankreich. Clothilde starb 1942 auf der Flucht an einem Herzschlag. Ihre Tochter Johanna Abraham und deren Mann wurden nach Auschwitz deportiert.
Zodik Wachenheimer, der Bruder und Schwager von Clothilde und Heinrich Wachenheimer, wohnte im Zwingenberger Paß und später in der Heidelberger Straße 3. 1937 zog er zu seinem Sohn Ludwig nach Worms; von dort wurde er im Oktober 1940 ins südfranzösische KZ Gurs deportiert. Wenige Tage nach seiner Ankunft, am 9. November 1940, starb er dort an Typhus.

Amanda und Sally Wolf lebten am Marktplatz 12 – sie hatten ein Leder- und Schuhwarengeschäft. 1938 – kurz vor der Verwüstung ihrer Wohnung während der Reichspogromnacht - zogen sie nach Darmstadt. Amanda Wolf wurde ins KZ Piaski / Lublin verschleppt; Sally kam nach Buchenwald, starb dort kurz nach seiner Befreiung 1945.
Ihr Sohn Arnold Wolf wurde auf seiner Flucht in die Schweiz gefangen genommen und nach Auschwitz gebracht.

Schließlich Clara und Jakob Wolf aus der Obergasse 5 - auch ihr Geschäft wurde während der Reichspogromnacht im November 1938 verwüstet. Nach Gefangennahme im KZ Dachau beschlossen sie, nach Paraguay zu emigrieren. Im April 1939 zogen sie nach Frankfurt – und hier verlieren sich ihre Spuren. Es wird vermutet, dass beide in Auschwitz ums Leben kamen.

Neben diesen 16 jüdischen Opfer ist ein weiteres Opfer der NS-Zeit zu beklagen:

Hans Gärtner war bekennender Zeuge Jehovas - er lebte in der Obergasse 3, wo er auch sein Friseurgeschäft hatte. Nach Bespitzelung und Hausdurchsuchung wurde Hans Gärtner mehrfach zu Gefängnishaft verurteilt. 1937 wurde er wegen Nichterwiderung des sog. Hitler-Grußes erneut verhaftet und ins KZ Dachau gebracht, wo er am 26. April 1940 verhungerte.